KRISTA SAGER BEI

Auf die Eintragung des Dr.-Grads in den Personalausweis sollte verzichtet werden

Freitag, den 22. Juli 2011

Kommentar von Krista Sager

Zu Guttenberg, Koch-Mehrin, Brinkmann, Chatzimarkakis, Althusmann, Mathiopoulos - die Reihe der Promis, denen wegen Plagiaten der Dr.-Grad aberkannt wurde oder die unter aktuellem Plagiatsverdacht stehen, scheint nicht abzureißen.
In großen Teilen der Bevölkerung entsteht zunehmend der Eindruck, Täuschungen seien in der Wissenschaft geradezu an der Tagesordnung und die Erwischten nur die Spitze des Eisberges. Leider meinen viele auch, es gehe hier nur um ein bisschen Schummeln und schummeln tut doch jeder mal.
Dabei ist der Schutz vor Täuschungsversuchen und die Qualitätssicherung bei Promotionen für die Wissenschaft existenziell. Universitäten und Wissenschaftsorganisationen haben also ein fulminantes Interesse, sich gegen die Bagatellisierung von Plagiaten zur Wehr zu setzen. Sie müssen aber auch selbst mehr tun, um sich vor Täuschungen zu schützen und die Qualität von Promotionen zu sichern. Wir haben dazu schon nach dem Fall Guttenberg Vorschläge gemacht und einen entsprechenden Antrag in den Bundestag eingebracht (Drs. 17/5195). Im Herbst soll dazu im Forschungsausschuss des Bundestages ein Fachgespräch stattfinden.

Sinnvoll ist aber auch, sich Gedanken darüber zu machen, wie man den akademischen Dr.-Grad in Deutschland verstärkt auf das fokussieren kann, was er ist: ein Qualifikationsnachweis über die Befähigung zum selbstständigen wissenschaftlichen Arbeiten. Denn offenkundig tut es der Wissenschaft nicht gut, wenn unseriöse Praktiken auch deshalb um sich greifen, weil der Dr. entgegen aller internationalen Gepflogenheiten in Deutschland auch als eine Art Statussymbol gilt und von Personen angestrebt wird, denen es eher um die gesellschaftliche Aufwertung als um die ernsthafte eigene wissenschaftliche Arbeit geht. Skandale um so genannte Doktorschmieden und die vielen florierenden „Promotionsberatungen“ sind ein Indiz dafür, dass es hier ein ernst zu nehmendes Problem gibt.

Was viele bis heute nicht wahrhaben wollen: der Doktor ist kein Namensbestandsteil und die Anrede mit dem Dr. in Deutschland beruht ausschließlich auf Konvention.
Ein Schritt, um zu verdeutlichen, dass es um einen akademischen Qualifikationsnachweis geht und nicht um die Befriedigung gesellschaftlicher Eitelkeiten, wäre aus meiner Sicht, den Dr. nicht mehr in den Pass und den Personalausweis einzutragen. Das gibt es sonst eigentlich nur in Österreich und Tschechien. Deutschland ist mit dieser anachronistischen Praxis international isoliert. Nicht einmal im europäischen Maßstab ist das eine gängige Praxis.

Einen Vorstoß, den Dr. nicht mehr im Personalausweis und im Pass eintragen zu lassen, gab es schon einmal 2007 von der damaligen Bundesregierung. Der damalige Bundesinnenminister (Dr.) Schäuble – der sicher nicht in dem Verdacht steht sozialistische Gleichmacherei betreiben zu wollen – war für die damalige Initiative verantwortlich. Die Eintragung ist mit einem erheblichen bürokratischen Aufwand verbunden, insbesondere wenn Personen, die ihre akademische Qualifikation im Ausland erlangt haben, ebenfalls eine Eintragung als Dr. in ihrem deutschen Personalausweis beantragen. International kommt es auch immer wieder zu Irritationen und Missverständnissen. Ausländische Behörden halten den Dr. oft für die Anfangsbuchstaben des Familiennamens. In den USA ist der Doc außerhalb der Hörsäle ausschließlich eine umgangssprachliche Bezeichnung für einen Mediziner.
Der damalige Reformversuch in Richtung Bürokratieabbau und Internationalisierung scheiterte an Widerständen aus CDU und CSU, was bezeichnender Weise besonders heftig von der FDP-Fraktion bejubelt wurde. Um an der Illusion festhalten zu können, der akademische Dr. sei quasi ein Namensbestandteil, wurde die Eintragung geradezu zur „Kulturtradition“ hochgejubelt.
Dass mit der Eintragung eine besondere Leistung honoriert werden soll, halte ich nicht für nachvollziehbar. Andere Bezeichnungen, hinter denen auch besondere Leistungen stehen, werden schließlich auch nicht eingetragen wie z.B. der Prof. oder der Meister.
Skurril finde ich einige Reaktionen, die den Eindruck erwecken, bei dem Verzicht auf die Eintragung ginge es geradezu um die Aberkennung des akademischen Grades, oder als hätte der Verzicht auf die Eintragung irgendwelche Auswirkungen auf die Frage, wie und auf welchen Wegen der Dr.-Grad erworben werden kann. Das ist kompletter Unsinn. Das wissenschaftliche Verfahren und die Verleihung des akademischen Grades ist völlig unabhängig von der Frage der Eintragung. Ein anderer verbreiteter Vorwurf ist der der Gleichmacherei. Als wenn die anderen Länder der Welt – auch große Wissenschaftsnationen wie die USA – in Zwangskollektivismus und Kommunismus versunken sind.

Im Ernst bleibt es ja auch jedem und jeder überlassen, auf der persönlichen Visitenkarte den Dr.-Grad zu erwähnen, so wie andere Bezeichnungen wie z.B. Dipl.-Ing., CEO, Meister, Geschäftsführer, Journalist oder anderes angeführt werden, wenn dies für die gesellschaftliche Reputation erwähnenswert erscheint. Aber die Tendenz, den Dr. vorrangig aus Reputationsgründen zu nutzen, sollte man durchaus zurückdrängen, um auch auf diesem Wege einen Beitrag dazu zu leisten, wissenschaftlichen Weizen von der Spreu zu trennen. Ein Beitrag könnte auch sein, den Dr. nicht mehr bei Bundestagsprotokollen und Parlamentsauflistungen der Abgeordneten wie einen Namensbestandteil zu behandeln. Beim persönlichen Qualifikationsweg kann jeder und jede die erfolgreiche Promotion ja selbst angeben.
Die deutsche wissenschaftliche Promotion hat international einen sehr guten Ruf, und viele junge Menschen arbeiten Jahr für Jahr sehr hart für diesen Qualifikationsnachweis. Wir sollten alles tun, damit dies auch so bleibt. Dass sich der Dr. auf einem Wahlplakat gut macht oder man beim Arzt mit einem Dr. auf der Versicherungskarte freundlicher behandelt wird, sollte dem gegenüber zweitrangig sein und auch so behandelt werden.

Presseerklärung:
http://www.krista-sager.de/component/k2/item/2041-dr-grad-raus-aus-dem-personalausweis

Interview im Deutschlandfunk über die Titelhuberei:
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/campus/1504578/