Mit steigenden Rohstoffpreisen und durch das dramatische Abschmelzen der Eisdecke erscheint die Exploration schwer zugänglicher Reserven an Öl, Gas, Gold, Zink oder seltene Erden zunehmend rentabel. Der Wettlauf der Anrainerstaaten, ihre Ansprüche geltend zu machen, hat längst begonnen. Für diese sensible Region müssen Schutzmechanismen gegen eine zerstörerische Ressourcenausbeutung etabliert werden, am besten durch einen Arktis-Vertrag in Anlehnung an den Antarktis-Vertrag aus dem Jahre 1959. Meine Fraktion Bündnis 90/Die Grünen wird in Kürze dazu einen entsprechenden Antrag einbringen.
Die Möglichkeiten, Grundlagenforschung in der Arktis zu betreiben, müssen uneingeschränkt erhalten bleiben. Denn den Polarregionen kommt für die Klima- und Erdsystemforschung eine Schlüsselrolle zu. Von allen Regionen der Erde reagieren die Polargebiete am schnellsten auf die globalen Veränderungen. Arktis und Antarktis sind die empfindlichsten Seismographen des Klimawandels, und nach Ansicht der Wissenschaft werden die Entwicklungen der kommenden fünf bis zehn Jahre besonders relevant werden. Die interdisziplinäre Erforschung der Polargebiete, der Polarmeere, der Landmassen und der Atmosphäre, ihr heutiger Zustand und ihre Geschichte liefern entscheidende Daten und Informationen, um zuverlässige Klimamodelle zu erarbeiten und in der Biodiversitätsforschung voran zu kommen.Deutschland ist mit dem Engagement des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven, des IfM-GEOMAR in Kiel und etlichen weiteren außeruniversitären und universitären Forschungsinstituten in der Polarforschung bislang hervorragend positioniert und hat dadurch ein beachtliches internationales Renommee. Aufgrund der Globalität der Herausforderung Klimawandels, der gemeinsamen Verantwortung für die Polarregionen, aber auch wegen der hohen Kosten ist die internationale Kooperation in der Polarforschung besonders wichtig und richtig. Auch hier kann konstatiert werden, dass die deutsche Polarforschung gut in internationale Kooperationen eingebunden ist. Neben den internationalen Forschungsteams auf der „Polarstern“ möchte ich hier beispielsweise die Koldewey-Station in Ny-Ålesund auf Spitzbergen erwähnen, die Bestandteil der deutsch-französischen Forschungsbasis ist, oder die deutsch-russische Zusammenarbeit in der Laptewsee, aus dem das deutsch-russische Otto-Schmidt-Labor für Polar- und Meeresforschung und ein gemeinsamer deutsch-russischer Masterstudiengang „Angewandte Polar- und Meereswissenschaften“ entstanden ist. Diese internationalen Kooperationen sollten gestärkt und systematisch weiterentwickelt werden.
Wer will, dass Deutschland bei der Erforschung des Klimawandels eine Vorreiterrolle übernimmt, muss dafür heute die richtigen forschungspolitischen Weichen stellen. Das betrifft in erster Linie die Forschungsinfrastruktur. Denn um Polarforschung auf hohem Niveau zu betreiben, ist eine leistungsstarke Infrastruktur unabdingbar. Dazu gehören Forschungsstationen, Beobachtungssysteme, vor allem aber eisgängige Forschungsschiffe, ohne die weder die Forschungsstationen versorgt, noch die automatischen Beobachtungssysteme eingerichtet und gewartete werden können. Aufgrund der kritischen Masse an Infrastrukturen, die für hervorragende Forschung notwendig sind, sollten wo immer möglich internationale Kooperationen angestrebt werden.
Mit dem Forschungseisbrecher "Polarstern" verfügt die deutsche Polarforschung über eines der leistungsfähigsten Polarforschungsschiffe der Welt. Die „Polarstern“ wird für die gesamte Bandbreite der Meeresforschung in der Arktis und Antarktis eingesetzt und dient für die vor zwei Jahren eingeweihte Antarktisstation Neumayer III und die Koldewey-Station auf Spitzbergen als Versorgungsschiff. Die „Polarstern“ ist bereits seit 1982 in Betrieb und nähert sich allmählich der Grenze für ihre schiffbaulich und wirtschaftlich sinnvolle Nutzung. Obwohl die „Polarstern“ nach der Generalüberholung 1998 bis 2002 gut in Schuss ist, steigen die Reparaturanfälligkeit und die Betriebskosten mit jedem Betriebsjahr.
Es ist dringend notwendig, den Neubau einer zeitgemäßen Variante der Polarstern auf den Weg zu bringen. Forschungsschiffe kann man nicht aus dem Hut zaubern, sondern haben lange Vorlaufzeiten. Auch die Finanzierung ist langfristig sicherzustellen. Damit gilt es auch, sich von der Illusion zu verabschieden, die „Aurora Borealis“ könne die „Polarstern“ ersetzen. Die „Aurora Borealis“ als gemeinsames europäisches Großprojekt wird kurz- und mittelfristig nicht zu verwirklichen sein. Ihre Realisierung steht mehr den je in den Sternen, nachdem die Kostenschätzungen explodiert sind und entscheidende mögliche Partner wie zum Beispiel Norwegen sich nicht beteiligen wollen.
Wenn bis 2016 das Nachfolgeschiff für die „Polarstern“ fertig gestellt wäre und die Betriebszeit der „Polarstern“ für drei bis fünf Jahre verlängert würde, könnten für eine begrenzte Zeit zwei eisbrechende Forschungsschiffe parallel zur Verfügung zu stehen, zeitraubende und kostenintensive Transferfahrten vermieden und an beiden Polen gleichzeitig geforscht werden. Die Möglichkeit ganzjähriger Forschung stellt eine einmalige Chance für die Polarforschung dar, gerade in den Jahren, die in den Polarregionen für die Erforschung des Klimawandels von entscheidender Bedeutung sind. Diese Chance sollten wir im Interesse der Polarforschung und aus Verantwortung für die globale Herausforderung Klimawandel ergreifen.







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