Rainer Baake begann seinen Vortrag mit einer Bilanz: Vor Stromknappheit muss sich heute niemand fürchten, jährlich wächst der Export von Strom ins Ausland, letztes Jahr wurde in der Summe die Strommenge ausgeführt, die die 5 ältesten Meiler in Deutschland in diesem Zeitraum produziert haben. Der Grund für die Exportfreude der vier Großen Stromanbieter: Sie müssen die verlorenen Marktanteile - 18 % des in Deutschland verbrauchten Stroms kommt heute aus erneuerbaren Quellen - wett machen. Von einer Versorgungslücke ist also nichts zu erkennen. Könnte sie sich denn noch entwickeln? Auch das aktuelle Gutachten, das Schwarz-Gelb mangels Einigkeit über ein Energiekonzept in Auftrag gegeben hat, stützt die Sorge um die Lücke in der Versorgung nicht. Mehr noch, eine Laufzeitverlängerung hätte gegenüber der sog. 0-Variante (es bleibt beim Atomausstieg) keinerlei wirtschaftlichen Vorteil.
Als man vor 10 Jahren begann, die Erneuerbaren zu fördern, so Baake weiter, kamen nur rund 3-4% aus erneuerbaren Quellen, vor allem aus Wasserkraft. Inzwischen haben wir einen Boom erlebt, den keiner (auch die Grünen nicht) vorhergesagt hat. Aus Wind, Biomasse, Wasser und zuletzt immer mehr Photovoltaik. Im Jahr 2020 werden nach den zurückhaltendsten Prognosen etwa 40 % des Stroms aus Erneuerbaren Quellen kommen.
Baake: “Das wirkliche Problem liegt nicht bei einer Versorgungslücke, sondern beim notwendigen Ausbau der Leitungen und bei der Speicherung von überschüssiger Energie“. Nach dem EEG, das ja auch unter der Regierung Merkel Bestand hat, ergebe sich folgendes Problem: Der Strom aus erneuerbaren werde bevorzugt abgenommen, so also der mit Wind erzeugte Strom, wenn der Wind weht, der mit Photovoltaik erzeugte Strom, wenn die Sonne scheint. Schon in den Jahren 2008 und 2009 sei es tageweise zu der Situation gekommen, dass der Strom aus Kernkraftwerken so überflüssig war: An der Leipziger Börse entstand ein negativer Stommarkt, die Kernkraftwerks Betreiber zahlten bis zu 500 € pro Megawattstunde für die Abnahme ihres Stroms, 10 mal soviel, wie sie sonst mit dem Verkauf der gleichen Menge Strom einnehmen.
Baakes Fazit: „Die Kernkraftwerke können einem schwankenden Bedarf nicht angepasst werden. Das heißt, wer Laufzeiten verlängert, kann nicht gleichzeitig die erneuerbaren Energien fördern , weil dann der Strommarkt zusammenbricht.“ Wenig besser sei es übrigens bei der Steinkohle, zwar seien Steinkohlekraftwerke technisch durchaus an schwankende Einspeise-Situationen anzupassen, aber ein Kohlekraftwerk sei nur wirtschaftlich, wenn es 6-7000 Stunden im Jahr Strom produziere und das sei angesichts des zu erwartenden Wachstums bei den Erneuerbaren vielerorts nicht mehr lange realistisch.
Ungelöstes Problem, so Baake weiter, sei aber das Leitungsproblem: „Die Frage ist, wie kommt der Strom von der Offshore-Windanlage in die großen Zentren, wo er gebraucht wird? Wie kann man einen Ausgleich schaffen, wenn der Wind über der Ostsee bläst und über der Nordsee Windstille herrscht?“
Die Speicherung von Strom sei noch nicht zufriedenstellend möglich. Andererseits sieht Baake hier die Chance zur Entwicklung neuer Technologien, die dann wiederum auch Vorbild für andere Länder sein könnten. Baake ist überzeugt: „Niemand glaubt, dass unser Atomaussieg die Erde rettet, aber wir sind hier in einer Lage, Vorbild zu sein und zu zeigen, dass die Stromversorgung mit erneuerbaren Energien nicht nur das Klima schützt, sondern auch wirtschaftlich klug ist.“
Hamburgs Umweltsenatorin Anja Hajduk (GAL) legte dar, was die Laufzeitverlängerung für Hamburg und Umgebung bedeuten würde: 12 Jahre länger als geplant, das hieße Krümmel liefe bis 2030 und Brunsbüttel wäre noch bis 2020 am Netz. Hajduk: „Das ist ein hoher Preis für eine absolut nicht notwendige Laufzeitverlängerung. Was wir jetzt brauchen, sind in den Flächenländern Mehrheiten für den Leitungsausbau. Denn es ist ja richtig, die Menschen müssen verstehen, dass die Laufzeitverlängerung für die Weiterentwicklung der Erneuerbaren Energien nicht förderlich ist sondern umgekehrt, schädlich.“
Die Leitungsfrage, so Baake, sei am wirtschaftlichsten auf europäischer Ebene zu lösen.
Krista Sager, wissenschafts- und forschungspolitische Sprecherin ihrer Fraktion im Bundestag berichtete über den Stand der Forschung bei der Frage nach Speichertechnologie. Das Wertschöpfungspotenzial sei doch bei den erneuerbaren mit neuer Technologie sehr viel höher als bei einem alten Meiler aus den 60er Jahren. Und der Forschungsverbund Erneuerbare Energien, in dem WissenschaftlerInnen der führenden Forschungsinstitute Deutschlands vertreten sind, habe ein Szenario entwickelt, wie man in absehbarer Zeit erneuerbaren Quellen kommen kann. Sager: „die Innovationskraft in Deutschland wurde vor zehn Jahren unterschätzt, selbst die Grünen sind damals von höchstens einem 10-12 % Anteil der Erneuerbaren heute ausgegangen, jetzt sind es 18%, und mit der Photovoltaik werden es schnell mehr sein. Und heute dürfen wir auch optimistischer sein, was die Entwicklung von Speichertechnologien angeht, da bin ich sicher.“
Sager hält es für nicht unwahrscheinlich , dass die Ausgestaltung des Gesetzes zur Laufzeitverlängerung noch vom Bundesverfassungsgericht gekippt werden wird: „Die Länder werden sich das hoffentlich nicht gefallen lassen. Die Bundesregierung sagt ja selbst, man brauche für den Ausbau der Erneuerbaren einen flexiblen Kraftwerkspark. Nun stellen sie sich doch mal vor, die Strommengen schwanken, wie es Herr Baake ja geschildert hat, und die alten Kraftwerke, die auf Dauerbetrieb eingestellt sind, fährt man jetzt rauf und runter. Da sollen die Atomaufsichtsbehörden der Länder nicht betroffen sein? Das glaube ich niemals. Das wird das Bundesverfassungsgericht prüfen müssen , ob da die Länder nicht hätten einbezogen werden müssen.“
Beschreitet Deutschland nicht einen Sonderweg, wenn es aus der Atomenergie aussteigt?
Rainer Baake antwortet klar mit nein, 400 Atomkraftwerke liefen heute weltweit, allesamt dort, wo es ein Momopol gibt, in Finnland wo man bewusst auf Wettbewerb verzichtet habe und in Frankreich, wo die Kernkraft in staatlicher Hand sei. Dort, wo man sich – wie in den USA – bemüht habe, Investoren zu locken, sei man gescheitert. Andererseits: 50 Länder haben inzwischen das EEG kopiert. So isoliert stehe Deutschland bei der Energieerzeugung also nicht da, im Gegenteil.
Spart die Laufzeitverlängerung denn nicht CO²? Auch das stimmt nicht. Denn die Menge der versteigerten Zertifikate ist ja in Europa gedeckelt.
Anja Hajduk: “Die Atomdebatte ist ja in erster Linie ein bundesweit zu regelndes Thema, aber wir können in Hamburg natürlich auch einiges für die erneuerbaren Energien tun. Mit „Hamburg Energie“ haben wir einen Player aufgebaut, der sich zum Ausbau der erneuerbaren Energien verpflichter hat. Außerdem sind beispielsweise auf der IBA viele innovative und wegweisende Projekte zu sehen.
Bei der Fernwärme überlegen wir auch, wie es weitergeht, wenn 2014 die Konzession von Vattenfall abläuft.
Ich möchte aber auch darauf hinweisen, dass es Zeit braucht, eine Großstadt umzubauen, die Quartiere umzugestalten, damit die Energieerzeugung CO²-ärmer sein kann. Ganz aktuell geht es zum Beispiel darum, die öffentliche Verfügung über die Netze wieder zu gewinnen. Dass die großen Fernwärmenetze hier sehr wichtig sind, sagt uns auch das Gutachten zum Masterplan Klimaschutz.
Letzter Aspekt, der diskutiert wurde: Der Atommüll. Es wurde noch einmal deutlich. Das Problem, dem Müll wie nötig 1 Million Jahre lang sicher zu lagern, ist weltweit nicht gelöst. Und auch bei kürzeren Zeiträumen gebe es bislang nirgendswo ein tagfähiges Konzept für ein Endlager.
(tas)







KRISTA SAGER BEI
FACEBOOK
ABGEORDNETEN-
WATCH