Fußball-Kolumne

25. Mai 2012, 09:58 Uhr

Diesmal kostet mich meine FC St.Pauli-Kolumne wirklich Überwindung, weil ich mich immer noch in der Trauerphase befinde. Nein, nicht wegen des 4. Platzes am Ende der Saison, das geht schon in Ordnung, auch wenn man nach dem furiosen 5:0 gegen Paderborn am letzten Spieltag sagen muss:

Da wäre insgesamt wohl doch mehr drin gewesen als nur knapp an einem Relegationsplatz vorbei zu schrammen. Aber meine Sehnsucht danach, schon wieder in der 1. Liga immer nur gegen den Abstieg zu kämpfen hält sich in Grenzen. Ein paar schöne Siege in der 2. können das Herz auch erfreuen, auch wenn die nächste Saison bestimmt nicht leicht wird, gerade wenn man sich die Absteiger aus der 1. anschaut. Ich erinnere mich noch an das letzte Auswärtsspiel am Betzenberg gegen K`lautern, wo wir schrecklich Haue bekommen haben und ich gar nicht so viel Bier trinken konnte, wie ich meinen Frust hätte runterspülen müssen.

Meine Trauer gilt der Tatsache, dass sich der FC St.Pauli von unserem Sportchef Helmut Schulte getrennt hat. Diese Entscheidung kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Helmut Schulte hatte von der Vereinsführung ja nicht nur bereits den Auftrag, die neue Saison vorzu bereiten, sondern er hatte ja sogar den Auftrag, schon mal einen neuen Trainer zu suchen, und plötzlich stellt man fest, dass das Vertrauen nicht reicht, um zu entscheiden, ob man über den Februar 2013 weiter zusammen arbeiten will.

Das ist doch irgendwie absurd! Von welcher Ausgangsbasis aus hätte er denn da mit Spielern Verträge verhandeln sollen. Ärgern tut mich auch, was da über die Öffentlichkeit dann so alles nachgeschoben wird, wobei manches schlicht nicht der Wahrheit entspricht: Die Entlassung von Schubert war definitiv vom Präsidium beschlossen, bevor man es sich dann am Ende anders überlegt hat. Die Hinweise, es habe schon mal Differenzen zwischen Schulte und einzelnen Spielern oder auch früher mal mit Stani gegeben, sind doch banal: ohne solche Differenzen muss man befürchten, dass der Sportchef seinen Job nicht verstanden hat, schließlich muss er bei den Vertragsverhandlungen vor allem die Vereinsinteressen im Auge haben, und nicht alles was ein Trainer wünscht, ist aus Sicht des Vereins machbar. Bei Pauli ist dieses Geschäft besonders schwer: riesige Ambitionen und ganz kleiner Geldbeutel.

Dazu kommt noch eine kritische Großstadtpresse und Fans, die ihre Lieblinge vergöttern, auch wenn es mal auf dem Rasen nicht so läuft. Ich bin da gar keine Ausnahme. Wenn es nach Herzblut ginge und nicht nach Verstand hätten wir neben der jeweils aktuellen Mannschaft wahrscheinlich noch diverse Museums-Mannschaften, und auch ich freue mich, wenn mancher ehemalige Spieler später dem Verein in anderer Funktion erhalten bleibt. Aber vor und nach einer Saison stehen eben auch immer schwierige Entscheidungen an, das wird nicht leichter, wenn man wochenlang nicht weiß, ob man 1. oder 2. Liga spielen und wie viel Geld tatsächlich da sein wird, was bei uns aber schon fast der Regelfall ist. Besonders schwierig war sicher der Übergang im letzten Jahr: Abstieg in die 2.,Stani weg, Co-Trainer „Truller“ Trulsen weg, Kopfball-Trainer weg. Stani hätte am liebsten noch mehr Leute mitgenommen. Wenn man bedenkt, dass wir die ganze Zeit oben mitgespielt haben und am Ende ganz dicht dran waren, dann kann unser Spotchef keinen ganz schlechten Job gemacht haben. Sicher ist dies auch ein Zeichen dafür, dass unser neuer Trainer Schubert auch was von Fußball versteht, allerdings wird das Präsidium für den ersten, dann chaotischer Weise revidierten Entlassungsbeschluss auch Gründe gehabt haben.

Die Frage, ob ein Trainer die nötige Sozialkompetenz hat, kann man nicht einfach mit dem Hinweis vom Tisch wischen, dass man im Fußball eben kernige Typen braucht. Wenn das Leistungspotential im Prinzip da ist, ist Fußball eben auch viel Psychologie. Schließlich rennen da ja nur große Jungs rum (jedenfalls aus meiner gereiften Lebensperspektive), die alle in ihrer Persönlichkeitsentwicklung noch im Werden sind. Wenn ein Trainer selber schlecht mit Anspannung und Druck umgehen kann, stellt sich auch die Frage, ob er im entscheidenden Moment den Druck von der Mannschaft nehmen kann. Ich frage mich schon, wieso wir ein großartiges 5:0 gegen Paderborn sehen, nachdem die Mannschaft denkt, dass der Trainer entlassen ist. Und warum lassen wir entscheidende 3 Punkte beim Absteiger Aachen liegen? Wo es übrigens so kalt war, dass ich mir vor Ort noch eine Dödel-Mütze mit Ohrenklappen kaufen musste, weil meine St.Pauli-Strickmütze gar nicht gereicht hat. O.K., meinetwegen soll Schubert eine zweite Chance bekommen, wir lernen ja alle jeden Tag noch dazu, aber der Kollateralschaden scheint mir doch beträchtlich.

Für mich kommt noch ein weiteres Argument zu meiner Trauerbetrachtung hinzu: Mit Helmut Schulte geht ein weiteres St.Pauli Urgestein, das der Außenwelt auf humorvolle und lockere Art unsere schräge St.Pauli-Welt erklären konnte. Ich hab Helmut Schulte das erste Mal in den frühen 90ern an einem Info-Stand der GAL getroffen, da war er aus einer ABM-Maßnahme heraus „unser“ Trainer geworden und hatte „unseren“ Aufstieg klar gemacht. Ich glaube, das haben viele schon vergessen, die sich nur noch dran erinnern, dass Helmut bei Dresden und Schalke war. Ich bin auch sicher, dass wir bei den ganzen DFB-Sportgerichtsverfahren wegen der hochnotpeinlichen Fan-Verfehlungen nicht so glimpflich davon gekommen wären, wenn Helmut Schulte und Gernot Strenger nicht so ein gutes Team gewesen wären.

Natürlich wünsche ich Thomas Meggle, Jens Duve und Stefan Studer eine glückliche Hand bei der Vorbereitung der neuen Saison, vor allem wenn es um die Verstärkung im Sturm und im offensiven Mittelfeld geht, denn da ist es dringend nötig und unsere Alt-Helden werden auch nicht jünger. Schließlich will ich in der neuen Saison nicht nur den Blick auf die neue Gegengerade genießen, sondern auch ein paar schöne Tore sehen.

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